Die neuen englischen Titel der Berufsbildung sind problematisch

Auf den 1. Januar 2016 hat das SBFI neue englische Bezeichnungen für die Abschlüsse der höheren Berufsbildung eingeführt. Zum Beispiel heisst jetzt der Abschluss einer höheren Fachschule auf Englisch offiziell Advanced Federal Diploma of Higher Education. Wieso diese Umbenennung problematisch ist und wieso das Ziel einer besseren internationalen Anerkennung wahrscheinlich nicht erreicht wird, werde ich im folgenden erläutern.



Die neuen Titel

Im Jahr 2012 hat der Berner Nationalrat Mathias Aebischer eine Motion eingereicht, welche auf eine Aufwertung der Abschlüsse der höheren Berufsbildung abzielte, in dem Titel wie zum Beispiel Berufs-Bachelor, Bachelor HF oder Professional Master eingeführt werden. Dadurch erhoffte er sich eine bessere Anerkennung der höheren Berufsbildung. Diese Motion wurde in der Folge vom Nationalrat angenommen, vom Ständerat aber verworfen. Als Folge der Motion wurde das SBFI damit beauftragt, neue englische Titel für die höhere Berufsbildung auszuarbeiten.

Ab 1. Januar 2016 wurden folgende Titel neu eingeführt (zuvor wurde anstelle von Higher Education von Proffessional Education and Training gesprochen):

Ausbildung (Deutsch) Ausbildung (Englisch) Abschluss (Deutsch) Abschluss (Englisch)
Höhere Fachschule (HF) College of Higher Education Diplom Höhere Fachschule Advanced Federal Diploma of Higher Education
Eidgenössische höhere Fachprüfung (HFP) Advanced Federal Diploma of Higher Education Diplom Advanced Federal Diploma of Higher Education
Eidgenössiche Berufsprüfung (BP) Federal Diploma of Higher Education Fachausweiss Federal Diploma of Higher Education

Die Krux mit Higher Education

International werden unter Higher Education normalerweise die Stufen 5–8 der International Standard Classification of Education (ISCED) der UNESCO verstanden. Dabei entspricht die Stufe 6 einem Bachelor-Studium (oder einer äquivalenten Ausbildung), die Stufe 7 einem Master-Studium (oder einer äquivalenten Ausbildung) und die Stufe 8 einem Doktorat. Die Stufe 5 bezeichnet Abschlüsse der Tertiärbildung, die unterhalb eines Bachelor-Abschlusses angesiedelt sind.

In der Schweiz ist gemäss EDK die höhere Berufsprüfung (BP) auf Stufe 5, die höhere Fachschule (HF) auf Stufe 6 und die höhere Fachprüfung (HFP) auf Stufe 7 eingestuft. Auf den ersten Blick scheinen die neuen Bezeichnung unter Verwendung des Terms Higher Education also durchaus passend gewählt.

Die Probleme fangen an, wenn man sich mit den europäischen Prozessen in der Bildungspolitik und den sonstigen Positionen des SBFI gegenüber diesen beschäftigt. Der Bologna-Prozess hat zum Ziel einen Europäischen Hochschulraum, auf Englisch den European Higher Education Area (EHEA) zu schaffen, in welchem vergleichbare Abschlüsse vergeben werden (Bachelor/Master/PHD). Zusätzlich zu den Bachelor- und Master-Abschlüssen sind im EHEA Short Cycle Degrees vorgesehen, die kürzer sind als Bachelorstudiengänge und nicht standardisiert sind. In den meisten europäischen Ländern wird der Bologna-Prozess auf den gesamten Tertiären Bildungsbereich oder zumindest auf die ISCED Stufen 6–8 angewendet. Nicht so in den DACH-Staaten. Deutschland klassifiziert die Meisterprüfung auf ISCED Stufe 6. Die Schweiz und Österreich stufen viele ausdrücklich Nicht-Hochschulabschlüsse gar auf ISCED Stufe 7 (d.h. auf dem gleichen Niveau wie ein Bologna-Master) ein. Die genaue Beziehung dieser Abschlüsse zu Bolognaabschlüssen bleibt ungeklärt. Wenn es nicht um die „Vermarktung“ der Abschlüsse der höheren Berufsbildung geht, unterscheidet das SBFI auch strickt zwischen Higher Education, womit ausschliesslich Hochschulen gemeint sind, und Professional Education and Training, womit es die höhere Berufsbildung bezeichnet.

Dass die Schweiz (sowie Deutschland und Österreich) den Bolognaprozess nur auf einen Teil ihres tertiären Bildungssystems anwenden, ist legitim. Möglicherweise ist es auch die bessere Lösung. Äusserst fragwürdig ist es aber, wenn dann versucht wird, diese Teile, die normalerweise ausdrücklich nicht als Higher Education betrachtet werden, international trotzdem unter dem „Label“ Higher Education zu vermarkten. Will man, dass diese Ausbildungen im Ausland als Higher Education wahrgenommen werden, sollte man konsequent sein und den Bologna-Prozess auf sie anwenden. Will man das nicht tun, so sollte man ebenfalls konsequent sein und die Ausbildungen nicht als Higher Education bezeichnen.

Short Cycle Degrees – oder wieso das Ziel nicht erreicht wird

Auch wenn dies in der Schweiz nicht wirklich wahrgenommen wird, laufen in der EU im Moment im Rahmen von Europa 2020 grosse Bestrebungen die Verknüpfung zwischen der Tertiärbildung („Higher Education“) und der beruflichen Grundbildung (Vocational Education and Training) zu verbessern. Das Mittel der Wahl hierfür sind die oben schon erwähnten Short-Cycle-Degrees, welche weniger lang dauern als ein Bachelor-Studium und auf ISCED Stufe 5 angesiedelt sind. Steigt die Bekanntheit dieser Short-Cycle-Degrees, werden Personen, die nicht mit dem Schweizer Bildungssystem vertraut sind, automatisch annehmen, dass es sich bei den Abschlüssen der höheren Berufsbildung um solche Short-Cycle-Degree auf ISCED Stufe 5 handelt, auch wenn der betreffende Abschluss sich eigentlich auf Stufe 6 oder 7 befinden würde. Über kurz oder lang wird man deswegen zum Schluss kommen, dass man entweder – wenn man die internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse anstrebt – in der höheren Berufsbildung Bachelor und Master-Abschlüsse einführen muss, oder, dass man sich damit abfinden muss, dass das Schweizer Berufsbildungssystem international kein Äquivalent besitzt und für den Rest der Welt unverständlich bleibt. Die neuen englischen Nahmen sind inkonsequent und führen zu zusätzlicher Verwirrung. Was es braucht, ist eine öffentliche Diskussion zum Verhältnis der höheren Berufsbildung zu den Hochschulen und zum European Higher Education Area.


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